Boris Behringer, Hauptgeschäftsführer von grosshandel-bw, spricht mit uns über die aktuelle Situation im Großhandel und die Aufgaben des Verbandes in der Branche.
Welche Aufgaben nimmt der Verband in Ihrer Branche wahr?
Wir vertreten die Interessen der Groß- und Außenhändler sowie der B2B-Dienstleister in Baden-Württemberg – als starker Partner, Problemlöser und praxisnaher Dienstleister. Unsere Kernkompetenzen liegen in der individuellen Beratung und Unterstützung unserer Mitgliedsunternehmen, insbesondere in den Bereichen Personalarbeit, Arbeitsrecht, Ausbildung und Nachwuchssicherung, Nachhaltigkeit, Transformation und Digitalisierung. Hier bieten wir vielfältige Services an. Besonders am Herzen liegt uns der persönliche Austausch: Wir bringen Unternehmen zusammen, fördern Netzwerke und entwickeln gemeinsam praxisnahe, umsetzbare Lösungen.
Eine zentrale Aufgabe unseres Verbands ist es, den Großhandel und die B2B-Dienstleistungen als wesentliche Säulen der Wirtschaft stärker ins Bewusstsein der relevanten Stakeholder, insbesondere der Politik, zu rücken. Oft erleben wir, dass Groß- und Einzelhandel im selben Atemzug genannt werden oder der Großhandel nur als Handel mit großen Mengen verstanden wird. Die spezifischen Herausforderungen unserer Branche sind vielen Entscheidungsträgern nicht bewusst. Doch wie können politische Maßnahmen erfolgreich sein, wenn die Bedeutung des Großhandels für die Wirtschaft nicht verstanden wird? Gerade mittelständische Unternehmen in unserem Sektor benötigen gezielte Unterstützung – und das gelingt nur, wenn wir gemeinsam für mehr Sichtbarkeit und Verständnis sorgen.
Der Großhandel ist eine starke, flexible und innovative Wirtschaftsstufe, die unverzichtbare Aufgaben für die gesamte Wirtschaft übernimmt. Historisch gesehen ist es eine der großen Stärken des Großhandels, resiliente und funktionierende Lieferketten aufzubauen. Außerdem erbringt der Großhändler wichtige Dienstleistungen für Hersteller und Abnehmer.
In Zeiten globaler Unsicherheiten und Handelskonflikte, in denen internationales Sourcing für viele Unternehmen, etwa in der Industrie, zunehmend schwieriger wird, bieten Großhändler mit effizienten Beschaffungsprozessen einen entscheidenden Mehrwert.
Wie steht der Groß- und Außenhandel zu den USA-Zöllen?
Die USA-Zölle sind ein Frontalangriff auf den Welthandel. Die drastischen Zollanhebungen für mehr als 100 Handelspartner beeinträchtigen unser Wirtschaftswachstum in Deutschland erheblich. Deshalb ist es enorm wichtig, dass Deutschland und die EU in der neuen Weltordnung rasch ihre Rolle finden und sich mit den anderen betroffenen Staaten koordinieren. Handelspolitisch heißt das, nun mit pragmatischen Angeboten auf den globalen Süden zuzugehen. Nicht nur die asiatischen, sondern auch die afrikanischen Märkte bieten erhebliches Potenzial für Wachstum und Geschäfte in der Zukunft. Begonnene Verhandlungen zu Freihandelsabkommen sind nicht nur zu intensivieren, sondern auch zügig abzuschließen, denn sie sind ein strategisches Rückgrat für den deutschen Außenhandel und wichtig für den Großhandel als Bindeglied zwischen Industrie und Wirtschaft.
Was sind aktuell die größten Herausforderungen im Großhandel?
Der Großhandel steht aktuell vor einer Vielzahl an Herausforderungen: unsichere Lieferketten, hohe Energiepreise, geopolitische Spannungen und ein weiterhin existierender Fachkräftemangel treffen auf steigenden Kostendruck und immer komplexere Regulierungen. Das erschwert nicht nur das Tagesgeschäft, sondern auch Investitionen in Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
Besonders deutlich wird, dass die Fachkräftesicherung ein zentrales Thema bleibt – trotz wirtschaftlicher Unsicherheit berichten unsere Mitglieder, dass Schlüsselpositionen nur schwer zu besetzen sind. grosshandel-bw setzt hier gezielt an und hat mit TradeTalents ein innovatives Projekt ins Leben gerufen, das Unternehmen mit Schulen vernetzt. Ziel ist es, Schülerinnen und Schülern in der Phase ihrer frühen Berufsorientierung die Attraktivität der Großhandelsbranche und B2B-Dienstleistungen näherzubringen – denn vielen ist das Potenzial dieser Unternehmen kaum bekannt. Gerade für Einzelunternehmen ist diese Aufgabe allein kaum mehr leistbar – durch unsere gebündelte Unterstützung werden hierfür gezielt Ressourcen bereitgestellt.
Darüber hinaus haben wir eine eigene Azubi-App entwickelt, die eine digitale Führung des Berichtshefts ermöglicht und die Kommunikation zwischen Auszubildenden, Ausbildern und Berufsschullehrern erleichtert. Ergänzend bieten wir praxisnahe Weiterbildungen über unsere ghbw-Akademie an. Unser Ziel ist es, unsere Mitglieder zukunftsfest aufzustellen – gerade in bewegten Zeiten.
Was macht den Großhandel in Baden-Württemberg aus?
Der Großhandel in Baden-Württemberg steht für gewachsene Partnerschaften entlang der gesamten Lieferkette. Unsere Unternehmen agieren flexibel, innovativ und technologisch auf höchstem Niveau. Sie verfügen über umfassendes Know-how, das sie gezielt in Produktschulungen und Serviceleistungen an ihre Kunden weitergeben. Gleichzeitig steuern sie komplexe Produktportfolios mit einer leistungsstarken, hoch effizienten Logistik. Als zentrale Schnittstelle zwischen Produktion und Markt übernehmen unsere Mitgliedsunternehmen eine Schlüsselrolle – vor allem im nationalen und europäischen Handel.
Wie würden Sie die Rahmenbedingungen am Standort Baden-Württemberg für den Großhandel bewerten?
Grundsätzlich bietet Baden-Württemberg Standortvorteile: eine zwar in die Jahre gekommene, doch noch funktionierende Infrastruktur, qualifizierte Fachkräfte und wirtschaftsstarke Cluster. Doch gleichzeitig kämpfen viele Unternehmen mit wachsender Bürokratie, aufwendigen Genehmigungsverfahren und einer schleppenden Digitalisierung der Behörden und dem Fachkräftemangel. Unsere Wirtschaftsstufe wünscht sich hier mehr Effizienz und klarere, verlässliche Regelungen, um im internationalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Es ist dringend erforderlich, unkomplizierte Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, auch ausländische Fachkräfte zu gewinnen und langfristig im Land zu halten.
